Die Umnutzung von Büroflächen zu Wohnungen ist kein Nischenansatz, sondern ein weiterer Baustein zur Entlastung des Berliner Wohnungsmarktes – und in vielen Fällen deutlich einfacher umsetzbar als häufig angenommen. Das ist das Ergebnis des Fachgesprächs, das ich gemeinsam mit meiner Abgeordenetenkollegin Katrin Schmidberger organisiert habe.
Zum Auftakt der Veranstaltung haben wir den über 60 Interessierten unseren aktuellen Antrag vorgestellt. Er fordert, kein neues Baurecht für Bürokomplexe zu schaffen und stattdessen leerstehende Büros für Wohnzwecke zu aktivieren. Angesichts wachsender Leerstände und gleichzeitigem Wohnungsmangel liegt hier ein erhebliches Potenzial.
Nach Einschätzung der Architektin Theresa Keilacker stehen in Berlin derzeit rund 1,9 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer. Rechnerisch könnten daraus etwa 25.000 Wohnungen entstehen. Gleichzeitig betonte sie, dass der Fokus stärker auf Bestandsentwicklung und Nachverdichtung liegen müsse, statt weiterhin auf Neubau zu setzen. Förderprogramme für den Umbau existieren bereits, müssten jedoch verbessert und stärker genutzt werden.
Bürogebäude sind häufig als Skelettbauten konzipiert und daher vergleichsweise flexibel umnutzbar, so der zentrale Punkt von Prof. Eike Roswag-Klinge. Mit Kosten von etwa 2.000 Euro pro Quadratmeter könnten Umbauten in vielen Fällen schnell realisiert werden – sofern nur die notwendigen Maßnahmen umgesetzt werden. Auch aus klimapolitischer Sicht sei der Umbau im Bestand dem Neubau klar überlegen. Die Architektenkammer, deren Vorsitzender Roswag-Klinge ist, arbeite daher an einer umfassenden „Umbau-Agenda“.
Dass solche Projekte in der Praxis funktionieren, zeigte das Beispiel des Hausprojekts WiLMa19. In einem ehemaligen Bürogebäude entstand durch vergleichsweise einfache Umbaumaßnahmen und viel Eigenleistung bezahlbarer Wohnraum für rund 60 Menschen. Die durchschnittliche Miete liegt bei unter 4,50 Euro pro Quadratmeter. Das Projekt verdeutlicht, dass auch unkonventionelle Wohnformen und gemeinschaftliche Modelle eine wichtige Rolle spielen können.
Aus rechtlicher Sicht stellte der Baurechtsexperte Dr. Thomas Weigelt klar, dass Umnutzungen grundsätzlich möglich sind. Zwar greifen bei Umbauten aktuelle bauordnungs- und planungsrechtliche Vorgaben, diese können jedoch durch politische Entscheidungen vereinfacht werden. Auch steuerliche Anreize oder regulatorische Instrumente könnten gezielt eingesetzt werden, um den Umbau zu fördern.
Kritisch diskutiert wurde hingegen die weiterhin starke Ausrichtung vieler Planungen auf Büroflächen. Am Beispiel Gleisdreieck wurde deutlich, dass hohe Büroanteile nicht nur städtebaulich problematisch sind, sondern auch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums erschweren. Hotels oder teures Kurzzeitwohnen sind ebenfalls keine sinnvolle Alternative. Gleichzeitig führen Bürobauten häufig zu höheren Bodenwertsteigerungen, was Fehlanreize im Markt setzt.
Ein zentrales Defizit bleibt die unzureichende Datenlage in Berlin. Sowohl bei Wohn- als auch bei Gewerbeflächen fehlen belastbare, grundstücksscharfe Informationen. Zudem wurde mehrfach der Bedarf nach einer zentralen Beratungsstelle für Umbauprojekte betont, um Akteur*innen bei rechtlichen, technischen und finanziellen Fragen zu unterstützen.
Wir kritisierten, dass dem Senat weiterhin eine belastbare und umfassende Datengrundlage zu Wohn- und Gewerbeflächen fehlt. Wir fordern daher seit langem die Einführung eines Miet- und Wohnungskatasters, um verlässliche Zahlen für politische Entscheidungen zu schaffen.
Das Fazit des Fachgesprächs ist eindeutig: Der Umbau von Büroflächen zu Wohnungen ist technisch machbar, ökologisch sinnvoll und in vielen Fällen schneller realisierbar als Neubauprojekte. Die entscheidenden Hürden liegen weniger in der Baupraxis als vielmehr in rechtlichen Rahmenbedingungen, fehlenden Daten und unzureichenden Anreizen. Hier ist die Politik gefordert, die Voraussetzungen zu schaffen, damit das vorhandene Potenzial konsequent genutzt werden kann.
Julian Schwarze und Katrin Schmidberger
